Brasilien: Wo Messen mittags beginnen

Beim Stichwort Lateinamerika fallen klischeehaft zwei Dinge ein: fröhliche, leicht bekleidete Mädchen an Rios Copacabana – und Autos, die bei Rot über die Ampel fahren, weil die Fahrer sonst mit Überfällen rechnen müssen. Die Wirklichkeit liegt wohl irgendwo zwischen beiden Extremen. Andere Dinge sind dagegen verbrieft. So leidet etwa Brasiliens Messehauptstadt Sao Paulo unter starken Verkehrsproblemen; die Messezentren sind deshalb nur schwer erreichbar, wie die Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammer berichtet. Das ist ein Grund, warum Messen in Sao Paulo des Öfteren zwischen 13 und 21 Uhr stattfinden. Mit diesem Trick lässt sich das hohe Verkehrsaufkommen umfahren.

Messen waren in Brasilen bis vor kurzem Spiegelbild der boomenden Wirtschaft – mit der gegenwärtigen Krise ist das Geschäft zäher geworden. In Brasilien werden pro Jahr weit über 2,5 Millionen Quadratmeter Nettofläche an Aussteller vermietet.22 Spürbar zugenommen hat in den letzten Jahren die Internationalität bei Ausstellern und Besuchern. Nach wie vor bestehen aber ein paar Barrieren. Die Infrastruktur und Qualität der Hallen ist ausbaufähig. In Brasilien sind Veranstalter und Geländebetreiber unterschiedliche Institutionen, was nicht zwangsläufig die Modernisierung von Messezentren fördert.

Brasilianische Messekultur

Auf Veranstalterseite ist die NürnbergMesse seit einigen Jahren in Brasilien mit einer erworbenen Tochtergesellschaft aktiv. Petra Wolf, Mitglied der Geschäftsleitung der NürnbergMesse und zuständig für Auslandsmessen, beschreibt die Messekultur wie folgt:

„Die brasilianische Messephilosophie ähnelt der europäischen viel eher als der nordamerikanischen. Wie in Deutschland beeindruckt eine attraktive Standgestaltung die Besucher. Langfristig punkten Aussteller aber nur mit einem persönlichen Informations- oder Beratungsgespräch. Brasilianer sagen viel mehr zwischen den Zeilen, Deutsche wollen alles sofort auf den Punkt bringen. Brasilianer messen Körpersprache, Körpernähe, Emotionen und Gestik eine viel stärkere Bedeutung zu. Sie betrachten Dinge immer mit einer positiven Einstellung und Fröhlichkeit, möchten Projekte rasch zum Laufen bringen. Nehmen beide Seiten aufeinander Rücksicht, kann sich eine langfristige, intensive Geschäftsbeziehung entwickeln.

Im Geschäftsleben kommen deutsche Aussteller mit Englisch meist gut weiter, auch wenn Grundkenntnisse in Portugiesisch natürlich nicht schaden. Bei der Beschriftung des Messestands gilt es, immer die portugiesische und englische Sprache zu verwenden; schließlich will man Besucher aus anderen Ländern nicht verschrecken. Und: Obwohl nur sehr wenige Brasilianer Deutsch sprechen, sind sie gegenüber der deutschen Kultur sehr offen.

Die Sicherheitsstandards haben sich in den vergangenen Jahren verbessert; die zentralen Stadtteile in Großstädten werden im Regelfall polizeilich gut überwacht. Dennoch sollten Ausländer gerade nachts vorsichtig sein und darauf verzichten, Wertgegenstände sichtbar am Körper zu tragen.“

KOMPAKT

  • Brasiliens Messen werden für Ausländer immer interessanter
  • Die Messekultur in Brasilien ähnelt der europäischen
  • Körpersprache, Emotionen, Gestik haben eine viel stärkere Bedeutung.